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Ist die Organspende noch zu retten?
Bundesregierung und Ethikrat möchten diese Debatte vermeiden: Was wir
heute über den sogenannten Hirntod wissen, stellt die
Transplantationsmedizin auf den Prüfstand. Biologische und
neurologische Kriterien genügen nicht zur Entscheidung über Leben und
Tod.
Von Stephan Sahm
Mit der Rechtfertigung des Hirntods als Tod des Menschen verhält es
sich wie mit der des zweiten Golfkriegs. Die zunächst angeführten
Gründe stellten sich rückblickend als falsch heraus. Im Falle der
Transplantationsmedizin bleibt eine Debatte darüber, ob sich im
Nachhinein vielleicht andere, nachhaltigere Argumente finden lassen,
hierzulande allerdings aus.
Lebendspenden machen nur einen Bruchteil aller Transplantationen aus.
Die Mehrzahl der Organe wird Hirntoten entnommen. Organe sind eine
knappe Ressource. Die Regierungskoalition hat angekündigt, das
Transplantationsgesetz zu ändern. Krankenhäuser mit mehr als hundert
Betten sollen verpflichtet werden, Arbeitszeit für einen
Transplantationsbeauftragten bereitzuhalten. Die Bundesärztekammer hat
die Initiative begrüßt. Der Deutsche Ethikrat versteht sich ebenfalls
als Promoter der Transplantationsmedizin. Er will im Oktober in einem
Forum die Idee einer Äußerungspflicht zur Organspende diskutieren.
Alle Bürger sollen sich zu Lebzeiten festlegen müssen, ob sie ihre
Organe nicht spenden möchten.
Ein Ad-hoc-Komitee über Leben und Tod
Die längst überfällige neue Debatte um den Hirntod dagegen meiden die
Regierung und ihr Ethikrat wie der Teufel das Weihwasser. Es will
offenbar nicht recht passen, dass ausgerechnet im Mutterland der
Hirntoddefinition, den Vereinigten Staaten, die „President's
Commission on Bioethics“ im Dezember 2008 die Gründe, die bislang zur
Rechtfertigung angeführt wurden, als irrtümlich zurückgewiesen hat.
Das Hauptargument, auf dem die Definition beruhe, sei empirisch
widerlegt. Angesichts des ungeheuren Einflusses, den eine schon
sprichwörtliche Ad-hoc-Kommission der Harvard-Universität Anfang der
siebziger Jahre weltweit entfaltete, sei das eine doch erschreckende
Schlussfolgerung, bemerkte unlängst der Philosoph John Lizza aus
Pennsylvania auf einem Symposion der europäischen Gesellschaft für
Philosophie der Medizin. Das Ad-hoc-Komitee hatte die allein auf
neurologischen Kriterien beruhende Definition des Hirntods entwickelt.
Sie wurde in unzähligen Ländern übernommen.
Der Hirntod war die Geburtsstunde der Transplantationsmedizin. Der
wissenschaftliche Fortschritt hat aber nun an dem Ast gesägt, auf dem
sie sitzt. Der Hirntod, so hieß es bisher, falle mit dem Tod des
Menschen in eins, weil bei Ausfall des Gehirns der Organismus
biologisch aufhöre, ein integriertes Ganzes zu sein: Er sei dann eben
kein Organismus mehr. Auch wenn einzelne Organe überlebten, sei der
Ausfall der komplexen Integrationsleistung, die für das Überleben des
Organismus notwendig sei, mit dem Tod gleichzusetzen. Die Beschränkung
auf biologische und neurologische Kriterien hatte den Vorteil, die
Suche nach einer philosophischen oder theologischen Todesdefinition zu
umgehen.
Tote, die Schmerzreize verspüren
Doch die biologische Hirntoddefinition kann nicht aufrechterhalten
werden. Die Annahme, Hirntote zeigten keine somatische Integration
mehr, hat sich als falsch erwiesen. So halten Hirntote ihre Homöostase
aufrecht, den Gleichgewichtszustand des Organismus. Sie regulieren
Körpertemperatur und bekämpfen Infektionen, produzieren Exkremente und
scheiden sie aus. Die Wunden heilen bei Hirntoten ebenso, wie ihr
proportioniertes Wachstum gesteuert wird. Schwangere Hirntote können
gesunde Babys austragen. Nicht zuletzt reagieren Hirntote mit
Ausschüttung von Stresshormonen auf Schmerzreize. Ein britischer
Anästhesist wird mit den Worten zitiert, er befürworte die
Transplantation von Organen, gedenke aber nur dann einen
Spenderausweis bei sich zu führen, wenn er sicher sein könne, dass er
vor der Entnahme betäubt würde.
Zudem ist die Feststellung des Hirntods mit einer Reihe von
Unsicherheiten behaftet. Joseph Verheijde, Mohamed Rady und Joan
McGregor von der renommierten Mayo Clinic bezweifeln, dass die
etablierten Richtlinien geeignet sind, einen irreversiblen Schaden des
Gehirns mit hinreichender Sicherheit zu konstatieren. Gehirne von für
hirntot erklärten Patienten wiesen nicht alle die erwarteten schweren
Schäden auf. In Deutschland gelten für die Hirntoddiagnostik die
Kriterien der Bundesärztekammer. Eine apparative Untersuchung ist nur
bei Kindern bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr vorgesehen. Die in
den übrigen Fällen als ausreichend erachtete klinische Diagnostik
erfasst nur Teilbereiche des Gehirns. Funktionen des Mittelhirnes, des
Kleinhirns und des Cortex würden gar nicht untersucht, gibt die
Physikerin und Philosophin Sabine Müller von der Charité in Berlin zu
bedenken.
Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie der
Positronenemissionstomographie oder der funktionellen
Magnetresonanztomographie an Patienten mit schweren
Bewusstseinsstörungen lassen an der Behauptung des irreversiblen
Ausfalles aller Hirnfunktionen zweifeln. Je empfindlicher die Methode,
desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich Aktivitäten in
einzelnen Arealen des Gehirnes finden lassen. Doch gibt es bislang nur
wenige aussagekräftige Untersuchungen zum Wert der neuen Methoden für
die Feststellung des Hirntodes. Zudem sind sie nur an wenigen Orten,
schon gar nicht in kleineren Kliniken und zu jeder Zeit verfügbar.
Das Konzept des Hirntods ist unerlässlich für die
Transplantationsmedizin. Fällt es, kann sie ihre Tore schließen. Denn
es genügt nicht festzustellen, dass Personen bei Vorliegen der bisher
als Hirntod bezeichneten Befunde sich nicht mehr erholen können und
der Abbruch unterstützender, das Leben erhaltender Maßnahmen
spätestens jetzt angezeigt ist. Es ist eines, wenn Personen dem
christlichen Ideal folgen und ihr Leben für ihre Freunde hingeben. Es
ist ein anderes, zur Rettung eines Menschen einem Dritten Organe
herauszuschneiden, von dem offenbar nicht jedermann sicher ist, dass
er auch tot ist.
Tote, die man wiederbeleben kann
Daher die Anstrengungen, den Hirntod am Leben zu halten. Die
President's Commission will ihn mehrheitlich nicht aufgeben. Sie
glaubt, das Argument zur Rechtfertigung müsse bloß ergänzt werden.
Hirntote zeigten, so heißt es jetzt, wohl eine nach innen, auf den
Organismus als Ganzes gerichtete Integration. Doch fehle die
Integration in die Umwelt. Die Kommission konstituiert ein
„philosophisches Konzept der natürlichen Seinsweise organismischen
Lebens“. Das Leben sei erloschen, wenn neben der gesamten
Hirnaktivität die Atemtätigkeit ausfalle.
Diese Neudefinition wurde bereits heftig kritisiert. John Lizza weist
auf Widersprüche hin, die sich etwa im Umgang mit Personen im Wachkoma
ergeben. Sabine Müller stellt fest, dass nach dieser Definition
Embryonen keine Lebewesen seien, andererseits das System der
Verdauungsorgane aber bereits als ein vollständiger Organismus
anzusehen sei. Es hat ein Nervensystem, ist für äußere Reize durch
Nahrungsstimuli empfänglich, kann Nahrungsstoffe selektieren und
ausscheiden.
Bereits vor vierzig Jahren beklagte Hans Jonas den Hautgout einer auf
die Interessen der Transplantationsmedizin ausgerichteten Definition
des Todes. Die President's Commission gesteht, dass dies ein Ziel
ihrer Neudefinition sei. Doch jetzt ist die neue Begründung kein
empirisch nachprüfbares Faktum mehr, sondern eine naturphilosophische
Setzung. Ohne solche Setzungen sei der Hirntod nicht zu haben, meint
John Lizza. Der Tod trete dann ein, wenn die psychophysische Einheit
zerbreche. Und dieser Punkt sei erreicht, wenn das Gehirn so schwer
geschädigt sei, wie es bei Vorliegen der neurologisch gefassten
Kriterien des Hirntods der Fall sei. Allerdings rät er, die Diagnostik
unter Einschluss neuer Methoden zu verfeinern.
Bioethische Kollateralschäden
Eine andere Alternative wäre es, die Regel aufzugeben, die
vorschreibt, Organe nur von Toten zu entnehmen. Diese Dead Donor Rule
sei allenfalls Augenwischerei, meinen Frank Miller von den
amerikanischen National Institutes of Health und Robert Truog,
Kinder-Intensivmediziner an der Harvard Medical School. Die
Anforderung werde ohnehin vielfach unterlaufen, etwa in den Fällen der
sogenannten Non-heart-beating-Donors. Bei ihnen werden die Organe nur
wenige Minuten nach Eintreten des Kreislaufstillstands entnommen. In
einigen Ländern ist dies zulässig, in Deutschland verboten. Zu Recht
fragte kürzlich der Philosoph Don Marquis von der Universität Kansas,
warum Personen, unmittelbar nachdem das Herz zu schlagen aufhöre, als
tot gelten sollen, wenn man sie doch wiederbeleben könne? Eben das sei
ein weiterer Grund, sich von der Dead Donor Rule zu verabschieden,
behaupten Miller und Truog.
Doch der Abschied ist nicht ohne bioethische Kollateralschäden zu
haben. Denn wenn Organspender zum Zeitpunkt der Entnahme noch lebten,
dann wäre dies aktive Sterbehilfe, worauf Sabine Müller zu Recht
hinweist. Organentnahme kompromittierte dann die professionelle Ethik.
Zu sedieren wären nicht nur die Spender, sondern auch das ärztliche
Gewissen. Die Bioethiker um Joseph Verheijde sprechen vom ärztlich
assistierten Tod bei der Organentnahme und erhoffen sich eine
intensive Diskussion unter Beteiligung der Vertreter der großen
Religionsgemeinschaften. Im Jahre 2008 hat Papst Benedikt XVI. die
Entnahme lebender Organe „ex cadavere“ zum Zwecke der Transplantation
ausdrücklich gutgeheißen - mit der Einschränkung, wenn man sicher sein
könne, dass die Betroffenen tot seien.
Wird der Hirntod Anlass für unerwartete biopolitische Bündnisse sein?
Der Versuch, ihn naturwissenschaftlich zu fundieren, ist gescheitert.
Darauf hat der Hirnforscher Gerhard Roth bereits in der Anhörung zum
Transplantationsgesetz hingewiesen. Wenn es um brisante Themen der
Biopolitik wie die Embryonenforschung geht, werden Philosophen, die
naturphilosophische Argumente vortragen, ebenso wie Theologen oft als
Ewiggestrige verunglimpft. Im Falle des Hirntods könnte sich das
ändern. Vielleicht ist er anders tatsächlich nicht zu retten.
Quelle: FAZ.net/20100914
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