Über Leichen
Wie menschliche Überreste gewonnen
und verwertet werden
Autorin: Martina Keller
Redaktion: Detlef Clas
Regie: Iiris Arnold
Sendung: Montag, 22. September 2008,
8.30 Uhr, SWR 2
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Besetzung:
Sprecherin
Übersetzerin
Übersetzerin:
Am 19. Juni gegen 16 Uhr nachmittags kam ich zusammen mit meinem Sohn in
unsere Wohnung ...
(Atmo Küche)
Sprecherin:
Inara Kovalevska ist Lehrerin in
Riga, der Hauptstadt Lettlands.
O-Ton Inara Kovalevska:
Übersetzerin:
Als wir beide, mein Sohn und ich, das
Wohnzimmer betraten, waren wir völlig schockiert. Mein Mann hatte
immer gesagt, dass er nicht weiterleben wolle, aber er hatte auch
immer gesagt, ich kann es nicht tun, ich habe nicht genug Kraft dazu.
Sprecherin:
Als Inara Kovalevska an jenem
Sommertag 2002 ihre Wohnung betrat, hatte sich ihr Mann Gunars
erhängt. Inara schrie um Hilfe und versuchte ihren damals
sechsjährigen Sohn aus dem Zimmer zu drängen. Sie wollte ihm den
Anblick des am Strick hängenden Vaters ersparen. Doch keiner der
Nachbarn kam, Inara war auf sich gestellt. So schnitt sie ihren Mann
mit einem Küchenmesser selber vom Seil und fing ihn in ihren Armen
auf.
O-Ton Inara Kovalevska:
Übersetzerin:
Ich habe ihn massiert, ich habe ihn
geschlagen, ich habe geweint, geschrieen, gebetet, ich habe alles
gemacht, um ihn ins Leben zurückzurufen, ich dachte er kann noch
leben.
O-Ton Inara Kovalevska:
Übersetzerin:
Und dann sagte er, die Mutter weiß nicht, wonach sie fragt, die Leiche
sieht ziemlich schlimm aus, und den Anblick könnte sie nicht ertragen.
Sprecherin:
Damals ahnte Inara nicht, welche
Wahrheit in diesen Worten steckte. Die Familie sah den Verstorbenen
erst am Tag des Begräbnisses wieder, vom Bestatter angekleidet und
aufgebahrt im offenen Sarg, der tote Körper scheinbar unversehrt.
Ein Jahr später erhielt Inara eine
Vorladung der lettischen Sicherheitspolizei. Eine Beamtin teilte ihr
mit, dass der Leiche ihres Mannes Gewebe entnommen worden sei, vor
allem Knochen, Knorpel und Sehnen. Insgesamt ermittele die Polizei in
400 Fällen. Und noch etwas erfuhr Inara Kovalevska: Die Körperteile
der lettischen Toten waren nach Deutschland geliefert worden.
O-Ton Inara Kovalevska:
Übersetzerin:
Dieser Mensch, der war doch eine
Persönlichkeit, diese Hände, die haben doch jemanden gestreichelt und
diese Persönlichkeit war jemandem sehr lieb.
Und als Katholikin glaube ich fest an die Auferstehung.
Sprecherin:
Inara ist seit dieser Nachricht in
psychotherapeutischer Behandlung.
O-Ton Inara Kovalevska
Übersetzerin:
Ein Mensch, der hat doch eine
gewisse Würde und ich glaube, es ist einfach unmenschlich, ihn nach
seinem Tod zu einem Gut oder einer Ware zu machen. Ich kann diesen
Gedanken nicht annehmen, dass Teile eines Menschen nach Deutschland
geliefert werden, und dort wird sortiert, was brauchbar ist und was
nicht brauchbar ist, und die unbrauchbaren Teile werden einfach zu
Müll.
Ansage:
Über Leichen. Wie menschliche Überreste
gewonnen und verwertet werden. Eine Sendung von Martina Keller.
O-Ton Karl Koschatzky:
Es gibt die alte Firma Pfrimmer, die im Wundversorgungsgebiet tätig
war seit dem Jahr 1919, als Nahtmaterialhersteller. Aus der Firma
heraus sind wir entstanden, ausgegliedert worden über verschiedene
Vorläuferfirmen und haben uns im Verlauf dieses Prozesses in über 30
Jahren spezialisiert auf die Herstellung von Transplantaten, aber auch
Implantaten aus humaner oder aus tierischer Herkunft.
Sprecherin:
Alltagsgeschäft der Tutogen Medical
GmbH in Neunkirchen bei Erlangen. Neun Jahre lang, von 1994 bis 2003,
lieferte das rechtsmedizinische Zentrum in Riga der Firma und ihrer
Vorgängerin Biodynamics International menschliche Rohstoffe. Tutogen
braucht sie für seine Knochenproduktion. Die Firma beschäftigt 140
Mitarbeiter, vorwiegend Näherinnen, Mechaniker und Dreher – und sie
expandiert.
Karl Koschatzky ist Geschäftsführer von
Tutogen Medical. Schon seit einem Vierteljahrhundert ist er bei der
fränkischen Firma und ihren Vorgängern beschäftigt.
O-Ton Karl Koschatzky:
Am menschlichen Körper gibt es im Prinzip zwei Typen von Knochen, das
ist der Schwammknochen, Spongiosa, oder es gibt den kompakten Knochen,
wie er ... im Oberschenkelschaft vorkommt. Daraus können Sie
verschiedene Gewebeformen, -zubereitungen machen, zum Beispiel als
klein gemahlenes Füllmaterial oder als Formkörper bestimmter
Abmessung, zur Stütze einer Wirbelsäule oder zur Heilung einer Fraktur
oder auch zum Auffüllen einer Kieferwand und ähnliches ... Es gibt
eine Unzahl von Anwendungsmöglichkeiten ... und das haben wir ungefähr
zwischen 200 bis 400 verschiedene Artikel in Anführungszeichen auf
Lager.
Sprecherin:
Tutogen liefert seine Transplantate von
Deutschland aus in rund 40 Länder.
Atmo Klackern
O-Ton Karl Koschatzky:
Das sind einfach so Möglichkeiten, die wir haben …
Sprecherin:
Koschatzky geht ins Nebenzimmer und
holt einen Kasten mit Produktmustern.
O-Ton Karl Koschatzky:
Das zum Beispiel ist ne Kniescheibe, die ist bereits prozessiert, und
aus der kann man dann so Dübel oder Blöcke machen, die man in der
Wirbelsäule einsetzt. ... und dann können sie natürlich langsam
anfangen, etwas kompliziertere Teile zu machen, so was zum Beispiel,
das ist also ein hufeisenförmiges Implantat für die Wirbelsäule, das
man von vorne durch den Bauch in die Wirbelsäule reintut, ...
Sprecherin:
Elfenbeinfarben, glatt oder porös
liegen die zurechtgefrästen Teile aus menschlichem Knochen in dem
Kasten. Die Leiche ist zu einem begehrten Rohstoff geworden. Längst
hat die sogenannte Gewebespende die Organtransplantation an Bedeutung
überholt. Nur rund 4500 Patienten erhalten in Deutschland jährlich ein
neues Organ, doch mehrere Zehntausend profitieren von der Verpflanzung
kleiner oder großer Einzelteile. Fast alles von einer Leiche lässt
sich verwerten, so auch die Knochen, Knorpel und Sehnen.
O-Ton Karl Koschatzky:
Das ist mit ner CNC-Maschine hergestellt und kann man da oben zervikal
einsetzen an der Halswirbelsäule. Das sind Schrauben, Knochen Pins,
... alles aus Knochen. .... Das ist ein Dübel, den man im Prinzip
einsetzen kann in der Wirbelsäule, durch einfache Bohrungen reinsetzen
kann.
(Atmo Klackern)
Sprecherin:
Die Gewebetransplantation ist ein
lukratives Geschäft. In den USA summiert sich der Erlös aller
Körperteile aus einer einzigen Leiche auf 230.000 Dollar und mehr. In
Deutschland organisieren neben kommerziellen Unternehmen wie Tutogen
Medical vorwiegend gemeinnützige Einrichtungen die Gewebespende, doch
das heißt nicht, dass Gewinnstreben ausgeschlossen sein muss.
Neben den Herstellern verdienen auch
die Weiterverkäufer. So offeriert die Medpex Versandapotheke im
Internet Tutoplast Fascia lata – so heißen die aus der Muskelhaut des
Oberschenkels gefertigten Transplantate der Tutogen Medical GmbH. Ein
Streifen von zwei mal 30 Zentimeter Länge kostet 967,18 Euro – da hat
auch die Versandapotheke gut verdient. Doch ohne Rohstoffe kein
Geschäft. Tutogen Medical verarbeitet jährlich die Körperteile von 500
bis 1000 Spendern. Frage an Karl Koschatzky: Woher stammen diese
Gewebe?
O-Ton Karl Koschatzky, Martina Keller:
Hm, also ich geb eigentlich keine
Auskünfte über Rohmaterialien, Sie werden vermutlich auch von der
Firma Bayer keine Auskünfte bekommen, wo sie ihr Aspirin kauft.
Keller: Sie
haben auch aus Lettland Gewebematerial bezogen, können Sie vielleicht
mal erklären, wie es zu der Zusammenarbeit kam?
Koschatzky: Es gibt Kongresse der
Rechtsmedizin. Man trifft sich und man spricht dort, und da haben wir
halt einen Kontakt gehabt, ... und haben halt eine Zusammenarbeit
irgendwann einmal begonnen ...
Keller: In Lettland gab es ...
Koschatzky: Ich gebe keine Auskunft mehr über Lettland, weil, das sehe
ich nicht ein
Keller: Das ist aber eine wichtige Frage.
Koschatzky: Ich wüsste nicht warum.
Keller: Ich hab aber einen konkreten Fall, ich hab dort zwei
Angehörige von Verstorbenen gesprochen, und eine dieser ...
Koschatzky: Ich denke, wir beenden das jetzt, das zielt auf was ganz
andres, als was sie ursprünglich hier waren ... ich bin kein
Ethikspezialist. Punkt aus.
Sprecherin:
Die Gewebetransplantation ist ein
aufstrebender Medizinsektor, die Zahl der Anwendungen kaum noch
überschaubar: Hornhäute können Patienten das Augenlicht bewahren,
Herzklappen sind bei schweren Entzündungen der Herzinnenhaut mitunter
lebensrettend. Knochenblöcke oder -pasten werden verwendet, um Defekte
im Skelett aufzufüllen, beispielsweise an der Wirbelsäule. Manchmal
wird auch ein kompletter Knochen im Stück verpflanzt, um nach einem
Unfall eine Amputation zu verhindern. Leichenhaut kann als vorläufiger
Wundverband bei schweren Brandverletzungen vor Flüssigkeitsverlust und
Infektionen schützen. Nicht alle Anwendungen dienen jedoch
ausschließlich medizinischen Zwecken. Die Entscheidung zwischen Gebiss
und Implantat ist zumindest teilweise auch eine kosmetische Frage. Bei
vielen Patienten, die Implantate gesetzt bekommen, wird zunächst der
Kieferknochen aufgebaut – zum Beispiel mit Leichenknochen.
Seit August 2007 gibt es ein Gesetz,
das den Sektor Gewebemedizin neu ordnen soll. Am rechtsmedizinischen
Institut der Hamburger Universitätsklinik hat man sich frühzeitig auf
die Lage eingestellt.
O-Ton Christian Braun:
Wir haben sie schon etwas vorbereitet, haben den Tisch gesäubert,
haben die Verstorbene auf den Tisch gelegt, haben dann mit
verschiedener Art und Weise desinfiziert, wobei wir hier nicht unter
OP-Bedingungen arbeiten, wir versuchen sehr sauber zu arbeiten, aber
das ist trotz alledem ein Sektionssaal, und den kriegt man nicht
steril, wir arbeiten hier nicht wie die Chirurgen im OP.
Sprecherin:
Selbst am zweiten Weihnachtstag ist in
der Rechtsmedizin ein zweiköpfiges Team im Einsatz. Auf dem
Sektionstisch liegt die Leiche einer 90-jährigen Frau. Sie ist nackt,
nur Kopf und Rumpf sind mit Tüchern abgedeckt.
O-Ton Christian Braun:
Was wir bei ihr an Gewebe entnehmen werden, ist nicht sozusagen das
volle Programm, das wir machen, weil sie aufgrund ihres Alters schon
so ist, dass man sagt, man kann nicht jedes Gewebe hernehmen, weil es
erfahrungsgemäß schon etwas degeneriert ist, das heißt wir nehmen die
Oberarmknochen, wir nehmen die Oberschenkelknochen, wir nehmen die
Schienbeine und von dem Fußknochen nehmen wir auch noch einen und wir
werden versuchen, das müssen wir schauen, ob wir das nachher schaffen,
auch vom Beckenknochen ein Stück noch zu nehmen.
Sprecherin:
Christian Braun ist Rechtsmediziner im
Hamburger Universitätsklinikum. An seiner Seite arbeitet der
Präparator Jürgen Brillinger, er hat schon einige 1000 Leichen
seziert.
O-Ton Christian Braun:
Vom Beckenkamm bis zum Innenknöchel haben wir jetzt einen Schnitt über
das gesamte Bein gemacht, um uns den Zugang zu ermöglichen, jetzt
präparieren wir hier schichtweise erst die Haut und das
Unterhautfettgewebe weg bis auf den Muskel. Wenn diese Dame jetzt
jünger wäre, müsste ich auch hier an der Außenseite vom Oberschenkel
sehr aufpassen, weil wir dann auch die sogenannte Fascia lata noch
entnehmen würden, das ist eine bindegewebige Platte, die an der
Außenseite des Oberschenkels zu finden ist, die man auch hernehmen
kann für verschiedene Zwecke, zum Beispiel zur Deckung von Wunden.
Sprecherin:
Die Frau wurde am Vortag tot in der
Wohnung gefunden. Da der Hausarzt über die Feiertage nicht zu
erreichen war, um einen natürlichen Tod zu bescheinigen, brachte man
sie in die Rechtsmedizin. Bei der 90-Jährigen waren die äußeren
Bedingungen für eine Gewebeentnahme günstig: eine schnell gekühlte
Leiche, an Vorerkrankungen nur Alzheimer und ein Lungenleiden bekannt.
O-Ton Christian Braun, Martina Keller
Hier habe ich die Kniescheibe, jetzt öffne ich hier das Knie. (zu MK)
Ihnen geht’s noch gut? – Äh, ja
Sie können auch gerne den Hocker nehmen, wenn Sie sich hinsetzen
wollen. So, jetzt sieht man hier die Menisken und die Kreuzbänder,
vorderes Kreuzband und hinteres Kreuzband, die schneide ich jetzt
einfach durch ...
Sprecherin:
Bis zu 3500 Leichen gelangen jährlich
in das Institut für Rechtsmedizin der Hamburger Universitätsklinik.
Etwa ein Zehntel davon kommt für die Gewebespende infrage. Doch nach
den Erfahrungen des ersten Jahres stimmen die Angehörigen nur in 14
Prozent der Fälle einer Explantation, also einer Organ- und
Gewebespende, zu. Bei der oft lebensrettenden Organverpflanzung sind
es fast zwei Drittel, die zustimmen. Die Hamburger Rechtsmediziner
wollen die Gewebespende in der Öffentlichkeit bekannt machen. Die
Unternehmenskommunikation der Universitätsklinik soll dabei helfen.
Doch wie wirbt man für Körperrecycling, wenn Firmen mit
aufgearbeiteten Geweben Geld verdienen dürfen? Und wenn es eher selten
um Leben oder Tod geht, häufig jedoch um eine bessere Lebensqualität
und mitunter auch um Lifestyle-Fragen?
O-Ton Klaus Püschel:
Wenn ein Mensch mit einer ... Hornhautverletzung, der nicht mehr
Zeitung lesen kann, oder nicht mehr Fernsehen gucken kann, oder sich
im Verkehr nicht mehr richtig orientieren kann, dann wieder richtig
sehen kann, dann ist das in Bezug auf sein Leben eine entscheidende
Verbesserung, ich würde das durchaus vergleichen mit einer
Nierentransplantation bei einem dialysepflichtigen Patienten.
Sprecherin:
Klaus Püschel ist Direktor am Hamburger
Institut für Rechtsmedizin.
O-Ton Klaus Püschel:
Denken Sie an Hautübertragungen bei schwer Brandverletzten, das kann
durchaus lebensrettend sein, und wenn sie bei einem kleinen Kind einen
großen Bauchdeckendefekt schließen können mit einer Sehnenplatte von
einem Verstorbenen, dann ist das für die Lebensqualität des Kindes von
erheblicher Bedeutung. Also die Gewebetransplantation wird da
vielleicht nicht ausreichend wertgeschätzt, ich persönlich stehe sehr
nachhaltig dahinter und sag, das sollte ähnlich engagiert betrieben
werden wie die Organtransplantation.
Sprecherin:
Klaus Püschel hat deshalb am Institut
für Rechtsmedizin ein straffes Management für die Gewebeentnahme
eingeführt. Schon seit langem wurden in Hamburg Augenhornhäute
entnommen und an die klinikeigene Gewebebank weitergeben. Ein Jahr vor
Inkrafttreten des Gewebegesetzes im August 2007 begann man, mit einem
gemeinnützigen pharmazeutischen Hersteller in Berlin zu kooperieren.
Das Deutsche Institut für Zell- und Gewebeersatz – kurz DIZG – bekommt
seither von der Rechtsmedizin Knochen, Sehnen, Muskelhüllen und
neuerdings auch Leichenhaut.
Das Hamburger Projekt Gewebespende ist
noch in den Anfängen. Zunächst wurde der Prozess der Entnahme am
Universitätsklinikum selbst organisiert. Dann folgten Vereinbarungen
mit den pathologischen Instituten der großen Hamburger Krankenhäuser.
Doch Klaus Püschel denkt weiter.
O-Ton Klaus Püschel:
Letztlich habe ich schon die Vorstellung, dass auch
die Möglichkeit besteht, bei Verstorbenen ganz allgemein hier im Raum
Hamburg das Angebot zu machen, dass Gewebe für Transplantationszwecke
zur Verfügung gestellt wird, dafür müsste man dann einen Apparat
aufbauen, der bei allen Verstorbenen tatsächlich diese Möglichkeit
bekannt macht ... Und wenn man sich klarmacht, dass wir für
Gewebetransplantationen Spender bis 90 Jahre haben können, ... dann
würde man auch bei einem normalen Herzinfarkt, der sich zu Hause
ereignet, den Verstorbenen in das System einsteuern können.
Atmo Sektionssaal
O-Ton Christian Braun:
Können Sie hier mal versuchen, die Beinvene darzustellen, Herr
Brillinger, damit wir da noch mal Blut rausbekommen? So, das hier ist
dann der Unterschenkelknochen, das Schienbein links.
Sprecherin:
Christian Braun müht sich, Blut aus der
Leiche zu gewinnen, es wird später im Labor auf infektiöse Krankheiten
getestet. Diese Maßnahme soll verhindern, dass Patienten verseuchte
Gewebe eingepflanzt bekommen. Doch das Herz der Verstorbenen steht
still, und damit auch das Blut in ihren Adern.
Atmo, Spritze hängt vorne dran
O-Ton Christian Braun:
So, stopp, das ist so’n bisschen ein Geduldsspiel.
Notfalls müssen wir gucken, dass wir noch ein bisschen Herzblut
bekommen
Okay, so Milliliter für Milliliter füllt sich hier die Spritze
Sprecherin:
In Deutschland gibt es bislang drei
pharmazeutische Hersteller von Knochenprodukten. Das DIZG, Tutogen
Medical und die Berliner Universitätsklinik Charité. Daneben
existieren Hunderte von klinikeigenen Knochenbanken. Die genaue Zahl
kannte lange Zeit niemand – wie überhaupt viele Fakten zur
Gewebespende im Dunkeln lagen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden
listet zwar minutiös auf, wie viele Jungmasthühner im Jahr produziert
wurden, als Ganzes mit Innereien und Hals, als Ganzes ohne Innereien
und Hals, zerteilt, tiefgefroren oder lebensfrisch. Doch niemand
wusste bislang, wie viele Herzklappen, Knochen oder Gefäße von Leichen
in Deutschland jährlich gewonnen und transplantiert werden, wie viele
darüber hinaus gebraucht und welche Produkte aus dem Ausland nach
Deutschland eingeführt werden. Das soll nun anders werden. Das
Gewebegesetz verspricht mehr Sicherheit und Transparenz. Mit der
Transparenz ist es allerdings so eine Sache.
O-Ton Brigitte Tag:
Wenn der Laie dieses Gesetz aufschlägt, allein wenn Sie die
Ergänzungen zum Arzneimittelgesetz (AMG) sehen, und das AMG war bis
dahin schon eine Materie, die sehr, sehr schwierig ist, und jetzt
sieht man Paragraphen, die bis zu 30 Absätze haben und diese
Paragraphen werden ergänzt, z. B. §4 durch §4a, dann sieht man, dass
der Gesetzgeber sehr umfassend gearbeitet hat, aber ein Stück weit
auch sehr umständlich, und das hat zur Folge, dass dieser rote Faden,
das worum es eigentlich geht, für den Laien kaum noch aufzufinden ist.
Sprecherin:
Brigitte Tag ist Jura-Professorin in Zürich und Spezialistin für
Fragen des Umgangs mit der Leiche. Sie hat an der Autopsie-Richtlinie
der Bundesärztekammer mitgearbeitet.
O-Ton Brigitte Tag:
Man muss sich überlegen, wozu werden diese Gesetze gemacht, ... es
geht doch auch darum, den Menschen zu verdeutlichen, dass die Spende
von Organen, von Geweben für andere lebensrettend sein kann. Wenn Sie
dieses Gesetz lesen, dann kommt beim normalen Menschen,
sage ich, der juristisch keine besondere Ausbildung hat,
sofort der Gedanke auf, hier wird etwas verschleiert, ich
versteh es nicht mehr, und das hat zur Folge eine Rückzugsmentalität.
Sprecherin:
Mittlerweile hat der Gesetzgeber den
Gesetzestext ein wenig übersichtlicher gestaltet. Der Kern der
Bestimmungen: Sämtliche Gewebe und Zellen werden den strengen Auflagen
des Arzneimittelgesetzes unterstellt. Wie die Organspende bleibt die
Gewebespende unentgeltlich, ein selbstloses Geschenk der Verstorbenen.
Denn internationale Konventionen und auch das deutsche
Transplantationsgesetz verbieten die Kommerzialisierung des
menschlichen Körpers. Allerdings gilt das Kommerzialisierungsverbot
nur für gering verarbeitete Gewebezubereitungen, Herzklappen zum
Beispiel oder Augenhornhäute. Wenn Gewebe hingegen industriell
hergestellt werden, wie etwa Knochen und Sehnen, müssen die Hersteller
für ihr Produkt beim Paul-Ehrlich-Institut in Berlin eine Zulassung
beantragen, wie für ein x-beliebiges Medikament. Erst wenn diese Hürde
genommen ist, dürfen sie mit ihren Produkten handeln.
O-Ton Brigitte Tag:
Die Entscheidung des Gesetzgebers ist ganz eindeutig. Dadurch, dass es
dem Arzneimittelgesetz unterstellt ist, ist natürlich die Gewinnspanne
ermöglicht, was nicht per se negativ sein muss. Eine gewisse
Gewinnspanne kann auch dafür sorgen, dass die Sicherheitsstandards
sehr hoch sind und dass es entsprechend umgesetzt und eingehalten
wird, aber der Hintergrund ist schon auch ... die Ausnahme vom
Kommerzialisierungsverbot, so dass ein Stück weit – nun, ich möchte
nicht sagen, der Körper kommerzialisiert wird, er ist schon
kommerzialisiert – aber es wurde legitimiert in diesem Bereich.
Sprecherin:
Gewebe ist ein begehrtes Gut, und die
Nachfrage nach Rohmaterial wächst. Doch die Ärzte in Deutschland
können nicht nach Belieben auf Verstorbene zugreifen. Das
Persönlichkeitsrecht setzt der Gewebeentnahme Grenzen. So garantiert
das Grundgesetz das Recht auf Selbstbestimmung. Es gilt – innerhalb
sittlicher Schranken – über den Tod hinaus. Ähnlich wie ein Mensch in
seinem Testament über sein Vermögen verfügen darf, bleibt es ihm
freigestellt, den Umgang mit seiner Leiche zu regeln. Gewebe darf
folglich nur entnommen werden, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten
zugestimmt hat – oder nach seinem Tod stellvertretend die Angehörigen.
Viele andere Staaten haben den Umgang
mit der Leiche weniger streng geregelt. Insbesondere in
osteuropäischen Ländern wie Ungarn, Tschechien oder Lettland gilt
meist die Widerspruchslösung: Wer der Gewebeentnahme zu Lebzeiten
nicht widerspricht, dessen Zustimmung wird vorausgesetzt.
O-Ton Brigitte Tag:
Es kann natürlich sein, dass deswegen der Anreiz besteht auf andere
Länder zuzugreifen, in denen die Rechtslage noch nicht so sehr
ausformuliert ist, und das führt natürlich dann doch auch vielleicht
zu Exporten und Importen, die wir heute aus unserer Rechtswarte und
aus unserer ethischen Bewertung als kritisch betrachten, weil die
Gewebegewinnung in den anderen Ländern unseren ethischen rechtlichen
Maßstäben nicht vollständig entspricht.
Sprecherin:
Als Inara Kovalevska aus Riga erfuhr,
dass ihr Mann Gunnars entbeint worden war, fühlte sie sich, als wäre
sie selbst beraubt worden. Sie wünschte, dass die Verantwortlichen vor
Gericht zur Rechenschaft gezogen würden, doch die lettische
Sicherheitspolizei hat ihre Ermittlungen eingestellt. Zusammen mit
einer anderen betroffenen Angehörigen erstattete Inara auch in
Deutschland Anzeige gegen unbekannt. Ende 2006 erhielt sie Antwort.
Die Staatsanwaltschaft Bamberg teilte mit Schreiben vom 7.12.2006 mit,
von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens sei abzusehen. Nach
einem Bericht der lettischen Sicherheitspolizei hätten sich keine
hinreichenden Anhaltspunkte ergeben. Den verantwortlichen Personen der
Firma Tutogen Medical könne ein strafbares Verhalten nicht zur Last
gelegt werden. Dem Zentrum für Rechtsmedizin in Riga sei kein
gewerbsmäßiger Handel vorzuwerfen.
Seit 2003 bezieht die Firma Tutogen
Medical kein Gewebe mehr aus Lettland. Rund die Hälfte ihres
Rohmaterials importierte sie seither aus anderen osteuropäischen
Ländern. In Deutschland bekommt sie Gewebe vom Rechtsmedizinischen
Zentrum der Universitätsklinik Frankfurt.
Im Sektionssaal des Rechtsmedizinischen
Instituts der Universitätsklinik Hamburg ist die Explantation der
90-Jährigen beendet.
Atmo Sektionssaal
O-Ton Christian Braun:
Wir haben entnommen: einmal die Oberarmknochen links und rechts,
einmal die Oberschenkelknochen, das Schienbein, diesen Kalkaneus mit
einem Stück Achillessehne dran und jeweils ein Stück Beckenkamm, das
ist das, was wir bei dieser Dame jetzt entnommen haben, genau.
Sprecherin:
Christian Braun, der
Rechtsmediziner, hat seine Arbeit getan. Nun werden die entnommenen
Knochen verpackt: erst in eine Plastiktüte, dann in einen Strumpf, um
die Knochen zu polstern, dann wieder in eine Plastiktüte. Jede Hülle
wird mit einem Etikett versehen, auf das die Spenderkennung und die
Bezeichnung des Knochens geschrieben werden. Unterdessen macht sich
der Präparator Jürgen Brillinger daran, den Leichnam der 90-jährigen
Frau für die Bestattung herzurichten.
O-Ton Jürgen Brillinger:
Da mach ich jetzt ein Stück Holz
rein, polster das noch ein bisschen aus mit Zellstoff und dann vernäh
ich das vernünftig, dass man die Dame dann auch dem Bestatter
übergeben kann, und dann wird sie anschließend, wenn sie fertig ist,
dann wird sie auch noch mal gewaschen, dass soweit keine
Blutrückstände mehr vorhanden sind, denn es besteht ja immer noch die
Möglichkeit, dass die Dame von den Angehörigen noch mal besichtigt
wird, und desto sauberer die Dame übergeben wird, desto besser.
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